Mehrgenerationenkran

Reaktiviert: S&R-Autokran auf MAN 9.156 HKA

Knapp 50 Jahre ist er alt, doch der MAN-Fahrzeugkran der Gebrüder Hörich aus Nordhessen gibt immer noch eine ausgesprochen gute Figur ab. Nachdem der mittelschwere Rundhauber mit Schlang & Reichart-Kranaufbau stets in erster Hand verblieben war, holte ihn der heutige Eigentümer des Familienbetriebs, Frank Hörich, vom Altenteil ins Oldtimer-Leben zurück.

 

Der 48-jährige Zimmermann aus dem nordhessischen Söhrewald-Eiterhagen erlangte seine Fahrpraxis auf dem Gelände des elterlichen Holzbaubetriebs: "Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, saß ich schon regelmäßig auf dem Stapler". Später folgte dann Vaters Pkw, schließlich der MAN. Der Allrad-Kranwagen befand sich schon damals im Fuhrpark des Familienunternehmens. Es war Franks Großvater August Hörich, der den Rundhauber 1967 bestellt hatte: "Das war unser erster Autokran um Dachstühle zu errichten", erzählt Frank. Für Transportaufgaben stand bei dem unweit des Melsunger Berglands angesiedelten Betrieb in den 1960er Jahren noch ein weiterer MAN, ein Pritschenwagen der 4,5 to-Nutzklasse, im Dienst.

 

Während Frank erzählt, hat sein 12 Jahre alter Sohn Jonas den Raum betreten. Der erklärte Fan des MAN Kranwagens legt das dicke Firmenbuch auf den Tisch: Das Holzbau-Unternehmen besteht nämlich schon seit Generationen. Am 31. Oktober 1967 war folgender Eintrag vorgenommen worden: "Gebrüder Hörich, MAN 9.156 Wilhelm Schäfer" ist da in Handschrift zu lesen. "Schäfer Baumaschinen" in Heppenheim vertrieb damals die Autokran von Schlang & Reichart. für ein Modell des Marktoberdorfer Herstellers, genauer für den 4,9 Tonnen-Kran 40.1, hatte sich August Hörich seinerzeit entschieden. Direkt vom Münchener MAN-Werk aus war das Kipper-Fahrgestell 9.156 HKA damals zu Schlang & Reichart geliefert worden, wo der Hydraulik-Kran mit dem dreistufigen Teleskopausleger aufgebaut wurde. Die Erstzulassung in Söhrewald erfolgte kurz vor Weihnachten 1967.

 

Über eine kurze Gelenkwelle wird die Hydraulikpumpe des Krans vom Nebenabtrieb des ZF 6-Gang-Getriebes in Bewegung gesetzt. Als Kraftquelle fungiert der Direkteinspritz-Diesel D 0836 HM 70 mit 156 PS aus 6 Zylindern. Neben dem "M"-Mittelkugel-Brennverfahren weist der 7 Liter große Diesel auch die namensgebende "HM"-Ansaugluftführung auf. Maximal fünf Tonnen dürfen der Vorderachse aufgebürdet werden, für weitere zehn Tonnen ist die zwillingsbereifte Hinterachse gut. Direkt hinter der Achse ist dann auch der Kran aufgebaut, unmittelbar davor auf der Ladefläche sitzt im roten Stahlkasten das 5 to-Gegengewicht. An den beiden runden Öltanks im Heck sind angeschweißte Verstärkungseisen zu erkennen: "Da gab es damals ein Rundschreiben von Schlang & Reichart, die musste man in einem der Servicestützpunkte nachrüsten lassen" weiß Hörich. An den Tanks befinden sich nämlich zugleich die unteren Halter für die beiden massiven Hydraulik-Stützen. Weil es an den Behältern von Hörichs Fahrzeug ohnehin Undichtigkeiten gegeben hatte, legte sie der Zimmermann im Rahmen der Fahrzeugaufarbeitung kurzerhand still: "Wir haben stattdessen den darüber sitzenden Hydrauliktank vergrößert." Der Allrad-Zweiachser mit dem blassgrünen Lackkleid bewältigte seine Arbeit in den ausgehenden 1960er Jahren und auch im Folgejahrzehnt klaglos. Im Umkreis von 30 bis  40 km setzte ihn Holzbau Hörich bei etlichen Neubauvorhaben ein. 1983 wurde er dann abgemeldet, weil ein MAN 13.1368F, ausgerüstet mit Pritsche und Ladekran, zum neuen Alleskönner in Eiterhagen avancierte. Der Kurzhauber verblieb aber weiterhin in Familienbesitz und freute sich, wenn es auf dem Holzlagerplatz oder beim Sägewerk mal wieder schwere Stämme umzusetzen galt. Sein Tachostand bleib überschaubar; bis heute haben sich dort erst  27.609 km angesammelt!

 

Als Frank Hörich 2003 die Geschicke des Holzbaubetriebs in die eigenen Hände nahm, bereitete er die Aufarbeitung des Autokrans vor. Das Kasseler MAN Truck & Bus Center setzte die Bremsanlage instand, wechselte alle Betriebsstoffe und ersetzte einige Schläuche und Leitungen. Manches musste nach der langen Standzeit zunächst gangbar gemacht werden. Später ließ Hörich das Fahrerhaus sandstrahlen und Bleche im Bereich der unteren Rückwand zu den Einstiegen einsetzen. Anschließend wurden Kabine und Fahrgestell im Original-Farbton neu lackiert. Der Schlang & Reichart-Kran funktionierte nach wie vor klaglos und begnügte sich mit einer gründlichen Abdichtung der Hydraulik, die von Atlas-Baumaschinen in Borken vorgenommen wurde. Dabei stieß man auf einen Riss im Getriebegehäuse der Seilwinde. "Der war zuvor immer größer geworden und ist schließlich durchgeplatzt", weiß Frank zu berichten. Er wandte sich direkt an Schlang & Reichart, die jetzt in Rettenbach im Allgäu zu hause sind. Erstaunlicherweise hatte der dortige Kundenservice tatsächlich noch einen Gehäuserohling im Teilebestand! Mit der Instandsetzung der Winde war die technische Aufarbeitung des Allrad-Rundhaubers beendet.

 

Die Fahrerhauseinrichtung blieb bislang unangetastet, was der Funktionsfähigkeit des knapp 50 Jahre jungen Autokrans aber keinen Abbruch tut: Die stellt der MAN seit 2013 bei Ausfahrten im Kasseler Umland oder auf Veteranentreffen unter Beweis. Jonas Hörich, bestens vertraut mit der Bedienung des Aufbaukrans, ist dabei fast immer mit von der Partie. Der Erhalt des 9.156 HKA scheint langfristig gesichert...

 

Gerald Sandrieser, Historischer Kraftverkehr 5/2016

Nach oben